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Geschichte

by Karin Krentz last modified 2009-01-03 15:27

Rückblick zur Entstehung des Weidendoms

Albrecht Krummsdorf

Die Entstehung des Weidendoms

Die Idee

Als Pflanzbauwerk von 50 Meter Länge, 27 Meter Breite und 15 Meter Kuppelhöhe erhebt sich eine lebendige Kirche im IGA-Park - der Weidendom. Er ist weit mehr als eine schöne Erinnerung an den Sommer der Internationalen Gartenausstellung im Jahre 2003. Bis heute steht er als lebendiges Symbol für gemeinschaftliches, internationales, ökumenisches, ehrenamtliches Engagement. Schon als im November 1999 eine Ideenwerkstatt zum eigentlichen Starttermin für ein christliches Zentrum auf der IGA 2003 wurde, stand es fest: Der Weidendom sollte Begegnungen, Andachten und Gottesdiensten Raum geben. Meditation und Einkehr sollten hier – mitten im Trubel der IGA – ebenso möglich sein wie Musik, Theater, Lesungen und Ausstellungen. Neben den Projektträgern – der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs, der Pommerschen Evangelischen Kirche, der Nordelbischen Evangelischen Kirche und dem katholischen Erzbistum Hamburg - brachten sich viele unabhängige Arbeitsgruppen ein. Die Idee, eine grüne Kathedrale zu bauen – oder besser: „zu pflanzen“ – setzte sich schnell gegen alle Varianten eines konventionelles Baues durch und wurde auch bald von den verantwortlichen Kirchenleitungen favorisiert. Nicht zuletzt war es der „Baum des Jahres 1999“, die Silberweide, die die Initiatoren auf diese Idee brachte.

Von der Idee zur Umsetzung

Als Standort für ein ökumenisches Zentrum wurde von der IGA-Leitung ein Kopfweidenweg vorgeschlagen, der von altersher den Namen „Kirchenpfad“ trug und auf dem IGA-Gelände den Übergang vom gärtnerisch gestalteten zum naturbelassenen Teil bildete. „Das Weiden-baubuch“ von Marcel Kalberer und seiner Gruppe „Sanfte Strukturen“ war dabei eine perfekte Anleitung zum Handeln. Der Schweizer Architekt, der bereits den „Auerworldpalast“ in der Nähe von Weimar gepflanzt hatte, war schnell bereit, den Rostocker Weidendom nicht nur zu entwerfen, sondern auch selbst als Bauleiter und Vorarbeiter Hand anzulegen.

Die Pflanzung

Am 5. März 2001 war die feierliche „Grundbaumsetzung“ und bis zum 29. April leitete Marcel Kalberer eine große Schar von etwa 600 freiwilligen Helfern aus 14 Ländern im Rahmen eines internationalen Baucamps an. Als erstes wurden etwa 600 Kubikmeter Schnittgut der hiesigen Kopfweiden zu Setzstangen und Flechtwerken aufbereitet und die großen Rundbögen des Kirchenschiffs und der Kuppel in vorgeformte Stellagen gebunden. Angesichts der Ausmaße des Weidendomes wurde es notwendig, ein Stahlrohrgrundgerüst zu errichten, um dem Bau eine Trägerbasis zu geben: Einerseits sollte der Weidendom leicht wirken, transparent und offen sein, andererseits hatte er enorme Lasten zu tragen. In die Kuppel sollte später zum Schutz vor Regen und praller Sonne eine Zeltplane eingehängt werden, die dem allgegenwärtigen Küstenwind einiges an Angriffsfläche bieten würde.

Insgesamt 304 Rutenbündel mit maximal 12 Metern Länge wurden von den Helferinnen und Helfern mit Spanngurten zusammengezurrt, mit Draht gebunden und mit Kokosseilen zusätzlich verstärkt. Es soll nicht verschwiegen werden, dass viele skeptisch waren. Aber mit dem Fortgang der Arbeiten wurde die generationenübergreifende Gemeinschaft auch sicherer: Jugendliche wie Rentner gewannen mit den größer werdenden Fertigkeiten auch an Selbstvertrauen.
In einem sprichwörtlichen Kraftakt wurden die Bündel mit bis zu 800 Kilogramm Gewicht aufgerichtet, angehoben und in insgesamt 87 Pflanzlöchern, den „Pfeilergruben“, versenkt – jeweils 60 bis 80 cm tief. Abgesehen von einem Baugerüst als Hilfestellung für die Errichtung der Kuppel wurden alle diese Arbeiten wahrhaft ökologisch, ausschließlich mit Muskelkraft ausgeführt.

Die weitere Entwicklung

Bis zur zweiten Bauetappe hatten die Weiden jetzt einen Sommer Zeit um Wurzeln zu schlagen. Es lag auf der Hand, dass das Holz im oberen Bereich der Kuppel, über einer Höhe von 12 Metern, keinen Bodenschluss haben würde. Dieses Weidenholz wurde im Jahre 2002 zum Todholz, bewahrte jedoch seine tragende Funktion, so dass die grünen Weidenruten, die von unten nachwuchsen, immer wieder eingebunden werden mussten, um die Tragfähigkeit des Baues zu sichern. Mit der Höhe von 17 Metern stoßen die Weidenbaumwerke an ihre Grenzen: Die Elastizität der Weiden und ihre anspruchslose Wuchsfreudigkeit machen zwar viele phantasievolle „Baumwerke“ möglich, aber ihrer Größe sind natürliche Grenzen gesetzt.
 
Das zweite, ebenfalls international besetzte Baucamp aus freiwilligen Helfern, begann im März 2002. Der Innenausbau des Weidendoms wurde komplettiert, ein Ziegelfußboden aus  Abbruchsteinen einer alten Kaserne eingezogen, die Freifläche mit Bänken und einem Kinderspielbereich gestaltet und die Weidenwände in die drei Apsiden und die Kuppel eingeflochten.

Im April 2003 wurde von Marcel Kalberer und seinen Helfern die Zeltplane in die Kuppel eingehängt – eine Woche vor der Eröffnung der IGA herrschte dichtes Schneetreiben. Erst Ende Mai setzte das Sommerwetter ein, die Triebe schlugen aus den Weiden und bildeten das wunderschöne Bild einer grünen Kirche, das die IGA 2003 bis in den Oktober begleitete und die bis heute viele Besucher fasziniert.

Dieser Beitrag wurde entnommen und redaktionell angepasst aus: Beiträge zur Gehölzkunde 2003, Verlag Gartenbild Heinz Hansmann, 31721 Rinteln, S. 219 ff.

Literaturhinweis:
„Grüne Kathedralen“  von Marcel Kalberer, Micky Remann; AT-Verlag (März 2003) 
„Das Weidenbaubuch“ von Marcel Kalberer, Micky Remann; AT-Verlag (1999)